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Entwicklungs­land

What the Fuck?!

Ver­steckt hinter Mauern und Tü­ren finden sich in Deutschland zahlreiche Projekte, in denen Menschen gesellschaftliche Pro­bleme über­winden wollen. Wird das Land hier "ent­wickelt"? Aber wir bezeichnen doch nur andere Länder als "Entwicklungs­länder". Was für Assozia­tionen hast du mit dem Wort "Entwicklungs­land"?
Hier könnt ihr euch kri­tisch mit dem Thema beschäf­tigen. Einfach scrollen!

Ent|wick|lung, die

Wort­bedeutung: in einem Prozess fort­laufend in eine neue [bessere] Pha­se treten

Hinter dieser Mauer entstehen zum Beispiel neue Räume für Begegnungen durch Theaterprojekte. Menschen rücken näher zusammen und lernen sich dabei auch selbst kennen.

What the fuck


ist dann eigent­lich ein


Das sagt die deutsche Re­gierung

“Für den Begriff 'Entwicklungs­länder', der in Deutsch­land seit den 1950er Jahren ver­wendet wird, gibt es keine einheit­liche Definition. Die Mehr­zahl dieser Staaten weist jedoch gemein­same Merk­male auf:
  1. eine schlechte Ver­sorgung großer Gruppen der Be­völkerung mit Nahrungs­mitteln, dadurch Unter­ernährung und Hunger
  2. ein nie­driges Pro-Kopf-Einkommen, Armut
  3. keine oder nur eine mangel­hafte Gesundheits­versorgung, eine hohe Kinder­sterblichkeits­rate und eine ge­ringe Lebens­erwartung
  4. mangelhafte Bildungs­möglich­keiten, eine hohe An­alphabeten­quote
  5. hohe Arbeits­losigkeit, ein ins­gesamt niedriger Lebens­standard, eine oft extrem un­gleiche Ver­teilung der vor­handenen Güter”

Bundes­ministerium für wirt­schaftliche Zusammen­arbeit und Entwicklung (BMZ)

An diesem Ort organisieren sich Menschen, die Aufklärung zu sexueller Vielfalt leisten – selbst wenn das nicht allen passt. Auch Akzeptanz muss sich entwickeln.

Für die OECD sind das Entwicklungs­länder

Nutz­los bis zy­nisch

In den klas­sischen Defi­ni­tionen des BMZ und anderen Orga­nisa­tionen wie der OECD oder der Weltbank zeichnen sich Ent­wicklungs­länder vor al­lem durch die Ab­wesen­heit von Dingen wie Ar­beit, Essen oder medi­zinische Ver­sorgung aus. Dieser Blick­winkel betont lediglich die Defi­zite dieser Staaten und sug­geriert, dass diese auf deren „Unter­entwick­lung“ be­ruhen. Ein sol­ches Den­ken ver­gisst, die weit kompli­zier­teren Ur­sachen der Pro­bleme aufzu­zeigen und wirk­liche Lö­sungen zu er­arbei­ten. Wir als „ent­wickel­te“ Län­der aber können uns als wis­sende Hel­fer prä­sentieren, die den globa­len Süden dabei unter­stützen, so zu wer­den wie wir.

Doch be­reits der heute so oft ver­wende­te Be­griff „nach­haltige Ent­wicklung“ entlarvt die Falsch­heit der An­nahme, der glo­bale Norden sei „ent­wickelt“. Der enorme Ressourcen­verbrauch und die ag­gressive Wirtschafts­politik dieser Länder sind unmittel­bar an vielen glo­balen Pro­blemen beteiligt. Die Aus­wirkungen da­von sind vor allem im glo­balen Süden – den Län­dern, denen wir angeb­lich helfen wollen, sich zu ent­wickeln – zu spüren. Bei­spiels­weise werden die Er­nährungs­souveränität und in­ländische Wirt­schaft die­ser Staaten nach­haltig gescha­det (zum Bei­spiel im Sene­gal). Länder des glo­balen Sü­dens also als „Ent­wicklungs­länder“ zu defi­nieren und Geld­mittel zur „Ent­wicklungs­zusammen­arbeit“ bereit­zustellen, ist nur eine zy­nische Wieder­gut­machung von mit­verur­sachten Schäden – und somit ein Tro­pfen auf den heißen Stein.

Die im Sep­tember 2015 von der UN verab­schie­deten Sus­tain­able Develop­ment Goals (SDG) zeigen ein erstes Ein­lenken auf diesem Ge­biet. Wäh­rend sich die vor­herigen Millenium Develop­ment Goals (MDG) noch vor allem auf „Ent­wicklungs­länder“ bezogen, werden Pro­bleme und ihre Ur­sachen nun glo­bal ver­ortet. Nicht nur „Ent­wicklungs­länder“ müssen sich ent­wickeln – Nein, wir alle. Wem dabei aller­dings die Kom­pe­tenz zuge­sprochen wird, Pro­bleme zu lösen, bleibt span­nend. Ver­suchen wir in Zu­kunft, auf Augen­höhe von­ein­ander zu lernen? Oder wird der glo­bale Norden dem glo­balen Süden nun auch zei­gen wollen, was Nach­haltig­keit ist? Es wäre die gut ge­meinte Neu­auflage einer alten Ig­noranz.

Deutschland ist fern davon, seine Ernährung nachhaltig zu produzieren. Hier experimen­tieren Menschen mit kollektiven Gärten in einer Großstadt, um selbst Lebensmittel anzubauen.

Unsere Pro­bleme sind glo­bal

Die Not­wendigkeit von engagierten Pro­jekten zu sexueller Viel­falt oder nach­haltigem Anbau zeigen, dass auch die vermeint­lich „ent­wickelten“ Länder nicht frei von Pro­blemen sind. Was also bezeich­nen wir als „ent­wickelt“? Bleiben wir bei klas­sischen Defini­tionen wie der des BMZ oder be­deutet "ent­wickelt" sein auch, wie wir inner­halb einer Gesell­schaft und als Men­schen welt­weit mit­einander umgehen? Denn wie steht es da um unseren „Entwicklungs­status“? Trotz einer kurz­zeitigen Öff­nung der deut­schen Grenzen für ge­flüchtete Men­schen und viel Soli­darität aus der Zivil­gesell­schaft festigt Europa seine Außen­grenzen weiter, um anderen Menschen den Weg zu ver­sperren. Gleich­zeitig erleb­te Deutsch­land in den letzten Mona­ten eine er­neute Welle von rassis­tischer Gewalt gegen Ge­flüchtete und ihre Unter­künfte. Sind wir also "ent­wickelt"? Oder müssen wir auch uns als "in Ent­wick­lung" be­greifen? Soll­ten wir den Begriff „Entwicklungs­land“ dann nicht erneut über­denken? Oder gleich abschaffen? Glo­bale Heraus­forderungen jeden­falls soll­ten wir als solche be­greifen, unsere Mit­verant­wortlich­keit ein­sehen und Pro­bleme zu­sammen an­gehen.

Auf diesem Platz setzen sich Refugees und Unter­stützer*innen für einen menschlichen Umgang mit Geflüchteten ein. Ein Ort dieses Engagements wurde hier im März 2015 angezündet.

"Entwicklungs­land"
ist eine macht­volle Bezeich­nung


Wir degra­dieren Andere, setzen uns als Maß­stab für "Entwick­lung" und ver­klären unsere ei­gene Rolle in der Welt

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